Geistliches Wort

Zeit der Stille und der Erwartung

IMG_9365.JPG - 201.95 KBDass das Jahr nun dabei ist, in seine letzte Phase einzutreten, merken wir nicht nur an den bereits deutlich kürzer und kühler gewordenen Tagen, wir merken es fast noch mehr an der Pflanzenwelt. Das Sprossen, Blühen und Fruchttragen ist ja ohnehin schon lange vorbei, aber in diesen Wochen geht auch das stille Feuerwerk der Herbstfarben seinem Ende entgegen: das Feuerrot der Blätter, ihr leuchtendes Gelb, ihr warm strahlendes Braun hat sich ins Dunkle gewendet und wo das Auge noch Grün sieht, da ist es matt und gedämpft; fast könnte man von einem farblosen Grün sprechen.

Die Bäume und Sträucher wirken wie in sich gekehrt – alles seien sie mit ihren Möglichkeiten am Ende. Und wirklich: Was sie in diesem Jahr tun konnten, um sich durch Ausbreitung und Mehrung zu erhalten, haben sie getan, nun bleibt ihnen nichts, als das Spiel aus der Hand zu geben.

Das sind Beobachtungen, die es kaum je als Meldung in eine Nachrichtensendung schaffen werden – nicht in einer Welt, in der sich alles um unablässiges Wachstum und immer neue Rekorde dreht, weil Stillstand als Rückschritt und Rückschritt gleich als Katastrophe gilt.

Aber eine Besinnung im Gemeindebrief interessiert sich nicht für aktuelle Sensationen. Sie hat (wenn es gut geht) Ewigkeitswert, und darum kann sie in dem spätherbstlichen Verblassen der belebten Natur eine Botschaft ganz anderer Art erkennen:

Auch wenn die Bibel nichts darüber verrät, in welcher Jahreszeit Jesus geboren wurde, wird dieses Ereignis schon seit den Tagen der Alten Kirche mit der längsten Nacht des Jahres in Verbindung gebracht und dort auch feierlich begangen: in dem Moment, in dem das Licht am stärksten aus der Welt geschwunden scheint. So wird der Jahreslauf zum Sinnbild einer Wahrheit, die der Dichter Jochen Klepper in einem Weihnachtslied so in Worte gefaßt hat: „Gott will im Finstern wohnen und hat es doch erhellt.“ Aber der Jahreslauf wird hier auch noch in einer anderen Weise zum Sinnbild: Gott kommt dann zur Welt, wenn die belebte Natur sich in der Kälte des Winters ganz in sich zurückgenommen hat, wenn all ihr Bemühen um Erfolg auf einmal hinter ihr liegt und sie darum nun rein gar nichts mehr von sich hermacht.

Doch der Weg Gottes in die Dunkelheit ist für uns offenbar nicht leicht auszuhalten. Zur sehr sehnen wir uns wohl nach Glanz und Erfolg, und so wollen wir auch Gott von Glanz und Erfolg überkleidet sehen. Je mehr Menschen zu einem religiösen Event kommen, je lauter gesungen, je heftiger geklatscht wird, um so besser. Das macht auch vor Weihnachten nicht Halt. Den ganzen Dezember hindurch erstrahlen die Weihnachtsmärkte in ihrer Pracht, und für die Geschäftswelt ist das Weihnachtsfest – gestützt durch eine Reihe regional geschickt verteilter verkaufsoffener Sonntage – der Garant für ein erfolgreiches Geschäftsjahr. Wenn es um den 4. Advent herum in der Tagesschau heißt: Der Einzelhandel ist zufrieden, dann wird das allgemein wie eine frohe Botschaft aufgenommen. Denn nun wissen wir: Insgesamt geht es uns gar nicht so schlecht, das lässt uns für die Zukunft hoffen.

Die Verlockung, sich vom lärmigen Treiben der Vorweihnachtszeit mitziehen zu lassen, die Stille zu übertönen, die Dunkelheit zu überstrahlen, ist groß. Aber es geht auch anders. Wenn wir uns ein Herz fassen und uns eingestehen, in welcher Dunkelheit wir tatsächlich leben, wirken die wenigen Lichter auf dem Adventskranz – erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier – auf einmal wie Hoffnungszeichen; wie erleuchtete Fenster in dunkler Nacht. Und wenn wir uns auf die Stille einlassen, ohne gegen sie anzugehen, dann kann es sein, dass auf einmal eine leise Stimme, die die ganze Zeit da war, erstmals unser Ohr erreicht. Sollten die Bäume und Sträucher, die uns vom Frühjahr bis zum Herbst mit ihren Düften, ihren Farben und ihren Früchten erfreut haben, uns nun im Winter zu Selbstrücknahme und aufnahmebereiter Erwartung anleiten – es wäre nicht ihr geringster Segen.

Mit dieser Einstimmung auf die Adventszeit grüßt sie herzlich

Andreas Bedenbender

 

Gottes Plan und unsere Pläne

IMG 9365Zu dem, was Menschen von den meisten uns bekannten Lebewesen unterscheidet, gehört ihre Fähigkeit, Pläne zu machen, kurzfristige und weitreichende. Darin gleichen die Menschen Gott, wie er uns in der Bibel begegnet. Dennoch sind die Unterschiede erheblich – man hat fast den Eindruck, dass in der Bibel Gott und die Menschen, wenn es ums Planen geht, nicht die gleiche Sprache sprechen. Gottes Pläne sind den Menschen für gewöhnlich zu hoch, und wenn Menschen größere Pläne machen, kriegt Gott in aller Regel zuviel; vielleicht darf man sagen: bei den Plänen der Menschen wird Gott schnell nervös. Wie sich die Pläne Gottes den Menschen darstellen, kann man sich sehr gut am Anfang des Neuen Testaments klarmachen, am Stammbaum Jesu in Matthäus 1. Matthäus beginnt mit »Abraham zeugte Isaak«, und nach 17 Versen kommt er schließlich an bei »Joseph, dem Mann der Maria, aus der erzeugt ist Jesus«. Abraham und Sara waren schon längst über die Erwartung hinausgewesen, doch noch Eltern zu werden, und Maria hatte bei weitem noch nicht erwartet, schon Mutterfreuden entgegenzusehen. D.h., der Bogen der Heilsgeschichte, der Abraham und Jesus verbindet, beginnt mit einer ungeplanten Schwangerschaft und endet mit einer ungeplanten Schwangerschaft. Am Ende soll der Jüngste Tag, wir hören das mehrfach im Neuen Testament, für uns so überraschend kommen, wie die Wehen über eine schwangere Frau kommen. Gottes Planungen sind nicht die unseren. Und unsere Pläne sind nicht Gottes Pläne. Das erste biblische Beispiel für eine menschliche Planung größeren Stils ist der Turmbau zu Babel. Es zeigt sehr gut: Sobald Planungen ein bestimmtes Maß übersteigen, stehen die Planer in der Gefahr, den Boden unter den Füßen zu verlieren, und die Planungen verselbständigen sich. Am Ende nehmen sie solchen Raum an, dass nichts anderes an Bedeutung mit ihnen mithalten kann, und das ist nicht gut für die Menschen. Wenn dann ein großer Strich durch ihre Pläne gemacht wird, fallen sie aus allen Wolken und halten das Leben für sinnlos. Wie gesagt, bei Planungen scheinen Gott und die Menschen verschiedene Sprachen zu sprechen.

Dass man es mit dem Planen übertreiben kann, hören wir auch bei Jesus. Sie kennen vermutlich alle das Gleichnis vom reichen Kornbauern aus dem Lukasevangelium. In einer modernen Fassung klingt die Geschichte so:

Ein Mann hatte einen großen Terminkalender und sagte zu sich selbst: (Alle Termine sind geschrieben, aber noch sind die Tagung X und die Konferenz Y, sowie die Sitzung der Unterausschüsse und die Treffen unseres Teams nicht eingeplant. Wo soll ich sie alle noch unterbringen? Und er kaufte sich einen größeren Terminkalender mit Einteilungsmöglichkeiten (der Nachtstunden, machte aus Abendessen Arbeitsessen, aus Wochenenden Klausurtage, disponierte noch einmal, trug alles sorgfältig ein und sagte zu sich selbst:

Nun sei ruhig, liebe Seele, du hast alles gut geplant, versäume nur nichts!

Und je weniger er versäumte, um so mehr wuchs sein Informationsvorsprung. Er konnte überall klug mitreden, er stieg im Ansehen und wurde in den Ausschuß Q und in den Vorstand K gewählt, zweiter und erster Vorsitzender, Ehrenmitglied. Und eines Tages war es dann soweit, und Gott sagte: Du Narr, diese Nacht stehst du auf meinem Terminkalender.

(Das Gleichnis vom großen Terminkalender von Gottfried Hänisch.)

Nun, Jesus erzählt solche Geschichten nicht, weil er einen etwas schwarzen Humor hatte, sondern um uns mit klaren Worten zu warnen: So sollen – und so müssen – wir es ja nicht machen wie der reiche Mann des Gleichnisses. Planungen haben ihren Sinn, wo sie mit Augenmaß geschehen – und wo sie uns nicht dafür blind machen, dass im Vaterunser die Bitte um den Lebensunterhalt ebenso knapp wie schlicht lautet:

Unser täglich Brot gib uns heute!

Andreas Bedenbender

   
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