Geschichte

Die St.-Johannis-Kirche in Ergste von 1831

Unsere evangelische Kirchengemeinde Ergste benutzt als Gotteshaus eine in Sichtmauerwerk ausgeführte klassizistische Saalkirche aus dem 19. Jahrhundert. Über ihre sakrale Bedeutung hinaus ist sie an vielen Stellen ein Merkzeichen im Ortsbild und möglicherweise das markanteste Gebäude im Dorf.

 

Aus der Baugeschichte

Die bestehende evangelische Kirche in Ergste entstand in einer Zeit, als nur in sehr seltenen Fällen neue Gotteshäuser in vergleichbaren Orten Westfalens errichtet wurden. In der Regel bestanden die traditionellen mittelalterlichen Gebäude – teilweise ergänzt oder umgebaut - bis weit in die Neuzeit fort, zumal die Bevölkerungsentwicklung durch die Jahrhunderte zumeist wenig dynamisch verlaufen war, und werden nicht selten bis heute genutzt (zum Beispiel die  ev. Kirchen in Hennen, Opherdicke, Wickede, Wellinghofen, Aplerbeck, Syburg). Veränderungen ergaben sich allenfalls Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung, steigenden Wohlstandes der Landbevölkerung sowie infolge größerer Einwohner- und damit Gemeindegliederzuwächse. Zwischen ca. 1865 und ca. 1914 entstanden vielerorts großzügigere Neubauten im Stil des Historismus (Beispiel kath. Marienkirche in Schwerte). Ein vorerst letzter deutlicher Impuls ergab sich in den Nachkriegsjahrzehnten des 20. Jahrhunderts, wiederum vielfach getragen durch starkes Anwachsen der Gemeindegliederzahlen, aber auch durch die Schaffung moderner, wohnsiedlungsnaher Gemeindezentren.

Außerhalb dieser klassischen Bauperioden entstandene Kirchen lassen sich fast immer aus einer örtlichen Sondersituation heraus erklären. So verhält es sich auch im Fall Ergste. Hier war es als Besonderheit eine verheerende Katastrophe, die einen Neubau erzwang. Am Abend des 28.11.1821 entstand durch Brandstiftung ein Großfeuer, dem ca. 13 Gebäude im Bereich des damaligen dörflichen Zentrums zum Opfer fielen – darunter auch die Kirche. Sie befand sich in etwa dort, wo heute das Gemeindehaus steht (Auf dem Hilf 6). Im „neuen Lagerbuch“ der Kirchengemeinde ist vermerkt, dass die 1821 zerstörte Kirche - „eine Kreuzkirche mit rundem Turm ohne besondere Merkwürdigkeit“- ein Bau des 12. Jahrhunderts gewesen sein soll und bereits einen Vorgängerbau gehabt habe. Häufig ist vermutet worden, dass die erste Kirche in Ergste eine Missions- bzw. Taufkirche aus karolingischer Zeit (ca. 800 n. Chr.) gewesen sein könnte.  In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf das Namenspatronat Johannes des Täufers verwiesen. Für diese These liegen keine Nachweise vor, allerdings kann sie anderseits nicht als vollständig widerlegt gelten. Andere Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass der Ursprungsbau als Eigenkirche eines für die Dorfentwicklung maßgeblichen Herrenhofes (etwa des „Alde Hoff“, später Gut Althoff“) entstanden sein könnte.      

Als Bauplatz für die neue Kirche war zunächst naturgemäß der alte Standort vorgesehen. Im September 1822 wurde Landbaumeister Friedrich Wilhelm Buchholtz durch die preußische Regierung mit der Erstellung eines Entwurfes betraut. Nach Fertigstellung der Pläne entstand eine rege Diskussion um einen neuen Bauplatz, da an alter Stelle nur ein Gebäude mit geringeren Ausmaßen hätte errichtet werden können, als es Architekt und Gemeinde für sinnvoll hielten. Auf der Grundlage einer großzügigen Förderung durch den Gutsbesitzer Niederweischede wurde der aktuelle Standort auf dem – damals noch unbebauten – Sauerfeld ins Gespräch gebracht. Nach leidenschaftlichen Verhandlungen, in die sich auch höhere Instanzen wie der damalige Oberpräsident der Provinz Westfalen Freiherr von Vincke einbrachten und nach Durchführung zweier Abstimmungen in der Gemeinde ergab sich eine knappe Entscheidung zugunsten des neuen Standortes, an welchen sich später, auch bedingt durch das gleichzeitig erbaute neue Schulgebäude (abgerissen 1965), der Dorfmittelpunkt verlagerte.

 

Bauphase und Fertigstellung

Der Baubeginn des Kirchgebäudes kann für Frühsommer 1824 angenommen werden, nachdem im Frühjahr ein sog. Verdingentwurf durch den Bauinspektor Neumann, Siegen, erstellt worden war und die Bauarbeiten dem Unternehmer Christian Lenz aus Hückeswagen übertragen worden waren. Die Grundsteinlegung wurde am 3. August 1824 vollzogen.  Durch Probleme mit der Fundamentierung bzw. den Baugrundverhältnissen verzögerte sich der Bauverlauf erheblich. Im Jahre 1826 mussten Teile des bereits aufgeführten Mauerwerks wieder niedergerissen werden, weil sich im Vorjahr bedenkliche Risse im Bereich des Turmes zeigten, der bis dahin bereits eine Höhe von 25m erreicht hatte. Im Laufe des Jahres 1828 wurden die Bauarbeiten wohl im Wesentlichen fertig gestellt. Der Endausbau sowie die erforderlichen Abnahmen beanspruchten jedoch weitere Jahre, so dass die Gemeinde erst am 12.02.1831 die Einweihung ihrer neuen Kirche begehen konnte.

 

Baubeschreibung

Die St. Johannis-Kirche ist stilgeschichtlich durchaus eine Besonderheit, zumal in Westfalen in ihrer Bauzeit nur wenige Gotteshäuser neu errichtet wurden. Die Kirche vereint neogotische und klassizistische Merkmale.

 

Außen

Die Kirche ist fast vollständig in Bruchsteinmauerwerk aus Letmather Plattenkalk errichtet. Nur an wenigen Stellen wurde das Material als Haustein eingesetzt (Strebepfeiler) bzw. Sandstein verwendet (Fenstergewände). Der etwa 14 x 10 m große Saalraum sowie der 5/8-Chor werden durch insgesamt acht hohe Spitzbogenfenster belichtet.

Das Äußere des Kirchenschiffs wird durch breite Strebepfeiler an den Gebäudeecken sowie prägnante Ecklisenen (Wandvorlagen) geprägt.

In ihrer Grundstruktur ist das Gebäude in seiner äußeren Erscheinung unverändert erhalten geblieben. Seit den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts unterliegt der Außenbau den Vorschriften des Denkmalschutzrechtes.  Neben einigen geringfügigen Veränderungen an der Dachlandschaft haben jedoch insbesondere die Fenster tief greifende Umgestaltungen erfahren. 1926 wurde eine farbige Verglasung eingebaut, die jedoch während eines Umbaus 1949/52 wieder beseitigt wurde. Das seinerzeit ausgeführte und noch heute vorhandene hölzerne, vierbahnige Holzmaßwerk lehnt sich an den Ursprungszustand an. Durch das Aufmauern der Fensterbrüstungen um ca. 1,85 m hat sich das Erscheinungsbild der Kirche jedoch zugleich wesentlich verändert.  

 

Innen

Der Innenraum der St.-Johannis-Kirche bietet in Bank- und Stuhlreihen sowie auf der Empore etwa 300 Personen Platz. Der Besucher betritt die Kirche durch ein rundbogiges Portal sowie einen Vorraum im Bereich des Turmes.  Der Chorraum der Kirche ist in Höhe und seitlichem Einzug nur gering gegenüber dem Kirchsaal versetzt, dies unterstützt die einheitliche Wirkung des Inneren.

In 8,50 m Höhe wird der Saal von einer Flachdecke überspannt, zu der sich an den Längsseiten etwa 70 cm hohe Kehlen emporschwingen. Die Ausbildung der Kehlen erfolgte erst in jüngerer Zeit aus heizungstechnischen Gründen und verleiht dem Innenraum einen leicht barockisierenden Zug.

Neben dem Vorraum und dem Kirchsaal befinden sich in der Kirche noch der Presbyterraum im Turm sowie die Sakristei im Anschluss an den Chor. Über die Sakristei bestand früher eine Verbindung zu dem ursprünglich vorhandenen Kanzelaltar, der hervorragend die reformierte Tradition der Ergster Gemeinde (seit 1933 ist die Gemeinde lutherisch) bezeugen würde wenn er heute noch vorhanden wäre. Leider wurde er 1946 entfernt. Ein kunst- und kulturgeschichtlich herber Verlust.

 

Seit etwa 40 Jahren wird die innere Gestalt der Kirche wesentlich durch die Farbfassung der Renovierung 1987 sowie das 1965 aufgestellte Altarbild bestimmt. Die weiß gehaltenen Putzwände entsprechen im Wesentlichen dem Ursprungszustand, wobei Gesimsbänder etc. grau bzw. farbig abgesetzt und mit der Gestaltung der Emporenbrüstung, der Kanzel etc. abgestimmt sind.

Das Altarbild ist ein Werk des zeitgenössischen Künstlers Hans- Gottfried von Stockhausen, der vor allem als Schöpfer sakraler Glaskunst bekannt geworden ist. Das Triptychon stellt als „gemalte Predigt“ Geburt, Kreuzigung und Auferstehung Christi ausdrucksstark dar.

 

Namenspatron der Kirche

Wie vielen anderen Orten war die Ergster Kirche vermutlich von Anfang an Johannes dem Täufer geweiht. Er wird dargestellt in Fellbekleidung, mit Kreuzstab, Lamm, Taufschale. Dies zeigt auch die in einer Nische im Kircheninneren aufgestellte, hölzerne Johannes-Figur.

Johannes der Täufer (Hebräisch: »Der Herr ist gnädig«) wurde etwa ein halbes Jahr vor Jesus geboren. Die außergewöhnlichen Ereignisse vor und bei seiner Geburt lassen ihn als ein besonderes Geschenk Gottes, das vom Heiligen Geist erfüllt war, erkennen. Um das Jahr 28/29 folgte Johannes, damals etwa dreißig Jahre alt, einem Ruf Gottes, um dem Volk Israel eine Taufe zur Vergebung der Sünden und das Herannahen des messianischen Reiches zu verkünden. Er predigte in der Wüste, am Jordan und bei Jerusalem. Das Volk verehrte ihn wegen seiner überzeugenden Wortgewalt und asketischer Lebensweise. Jesus ließ sich von Johannes taufen, dieser aber wies das Volk auf Jesus hin als auf den, der kommen soll und der würdiger sei als er („Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen“ –Lukas 3,16). Die Holzfigur in unserer Kirche zeigt Johannes folgerichtig mit hinweisender Handbewegung auf Christus (und zugleich auf die frohe Botschaft seiner Heilstaten, die durch das Altarbild veranschaulicht wird). .

Aus dem Kreis der Johannes-Jünger gewann Jesus seine ersten Anhänger. Als Johannes den Ehebruch des Königs Herodes Antipas öffentlich anprangerte, ließ dieser ich gefangen setzen. Auf Betreiben der Herodias ließ der König dann Johannes enthaupten.

(Marc Lohmann)

Weiterführende Literatur zur Ergster St.-Johannis-Kirche:

  • Aleweld, Norbert: Der Sakralbau im Kreis Iserlohn vom Klassizismus bis zum Ende des Historismus, Altena 1989
  • E. Kirchengemeinde Ergste (Hrsg.): 150 Jahre Einweihung der St. Joh. Kirche Ergste, Ergste 1981
  • Heimatverein Ergste (Hrsg.): Heimatbuch Ergste, Ergste 1968
   
© Evangelische Kirchengemeinde Ergste
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