IMG 9365Zu dem, was Menschen von den meisten uns bekannten Lebewesen unterscheidet, gehört ihre Fähigkeit, Pläne zu machen, kurzfristige und weitreichende. Darin gleichen die Menschen Gott, wie er uns in der Bibel begegnet. Dennoch sind die Unterschiede erheblich – man hat fast den Eindruck, dass in der Bibel Gott und die Menschen, wenn es ums Planen geht, nicht die gleiche Sprache sprechen. Gottes Pläne sind den Menschen für gewöhnlich zu hoch, und wenn Menschen größere Pläne machen, kriegt Gott in aller Regel zuviel; vielleicht darf man sagen: bei den Plänen der Menschen wird Gott schnell nervös. Wie sich die Pläne Gottes den Menschen darstellen, kann man sich sehr gut am Anfang des Neuen Testaments klarmachen, am Stammbaum Jesu in Matthäus 1. Matthäus beginnt mit »Abraham zeugte Isaak«, und nach 17 Versen kommt er schließlich an bei »Joseph, dem Mann der Maria, aus der erzeugt ist Jesus«. Abraham und Sara waren schon längst über die Erwartung hinausgewesen, doch noch Eltern zu werden, und Maria hatte bei weitem noch nicht erwartet, schon Mutterfreuden entgegenzusehen. D.h., der Bogen der Heilsgeschichte, der Abraham und Jesus verbindet, beginnt mit einer ungeplanten Schwangerschaft und endet mit einer ungeplanten Schwangerschaft. Am Ende soll der Jüngste Tag, wir hören das mehrfach im Neuen Testament, für uns so überraschend kommen, wie die Wehen über eine schwangere Frau kommen. Gottes Planungen sind nicht die unseren. Und unsere Pläne sind nicht Gottes Pläne. Das erste biblische Beispiel für eine menschliche Planung größeren Stils ist der Turmbau zu Babel. Es zeigt sehr gut: Sobald Planungen ein bestimmtes Maß übersteigen, stehen die Planer in der Gefahr, den Boden unter den Füßen zu verlieren, und die Planungen verselbständigen sich. Am Ende nehmen sie solchen Raum an, dass nichts anderes an Bedeutung mit ihnen mithalten kann, und das ist nicht gut für die Menschen. Wenn dann ein großer Strich durch ihre Pläne gemacht wird, fallen sie aus allen Wolken und halten das Leben für sinnlos. Wie gesagt, bei Planungen scheinen Gott und die Menschen verschiedene Sprachen zu sprechen.

Dass man es mit dem Planen übertreiben kann, hören wir auch bei Jesus. Sie kennen vermutlich alle das Gleichnis vom reichen Kornbauern aus dem Lukasevangelium. In einer modernen Fassung klingt die Geschichte so:

Ein Mann hatte einen großen Terminkalender und sagte zu sich selbst: (Alle Termine sind geschrieben, aber noch sind die Tagung X und die Konferenz Y, sowie die Sitzung der Unterausschüsse und die Treffen unseres Teams nicht eingeplant. Wo soll ich sie alle noch unterbringen? Und er kaufte sich einen größeren Terminkalender mit Einteilungsmöglichkeiten (der Nachtstunden, machte aus Abendessen Arbeitsessen, aus Wochenenden Klausurtage, disponierte noch einmal, trug alles sorgfältig ein und sagte zu sich selbst:

Nun sei ruhig, liebe Seele, du hast alles gut geplant, versäume nur nichts!

Und je weniger er versäumte, um so mehr wuchs sein Informationsvorsprung. Er konnte überall klug mitreden, er stieg im Ansehen und wurde in den Ausschuß Q und in den Vorstand K gewählt, zweiter und erster Vorsitzender, Ehrenmitglied. Und eines Tages war es dann soweit, und Gott sagte: Du Narr, diese Nacht stehst du auf meinem Terminkalender.

(Das Gleichnis vom großen Terminkalender von Gottfried Hänisch.)

Nun, Jesus erzählt solche Geschichten nicht, weil er einen etwas schwarzen Humor hatte, sondern um uns mit klaren Worten zu warnen: So sollen – und so müssen – wir es ja nicht machen wie der reiche Mann des Gleichnisses. Planungen haben ihren Sinn, wo sie mit Augenmaß geschehen – und wo sie uns nicht dafür blind machen, dass im Vaterunser die Bitte um den Lebensunterhalt ebenso knapp wie schlicht lautet:

Unser täglich Brot gib uns heute!

Andreas Bedenbender

   
© Evangelische Kirchengemeinde Ergste